Magazin "Sport in Hessen"

Sport in Hessen 2017

ODDSET Zukunftspreis

Werte gegen Gewalt

Der Verein kooperiert in Wiesbaden mit 15 Kindertagesstätten und 24 Grundschulen. Foto: Kim-Chi Wiesbaden

In den Wiesbadener Kindertagesstätten und Grundschulen hat sich der Judoclub Kim-Chi viele Freunde gemacht. Da sind beispielsweise die drei- bis sechsjährigen Stöpsel, denen der Verein unter dem Label „Budo-Turnen“ die allerersten Judoschritte beibringt und die so ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben können. Da sind die Eltern, welche die gewaltpräventiven Elemente dieses Angebots und das integrierte Selbstschutztraining schätzen, bei dem Kinder unter anderem auf möglichen Gefahren des künftigen Schulwegs vorbereitet werden. Und da sind die Schulleiter, die sich über ein attraktives Kursangebot samt qualifiziertem Personal und Sportgerät  sowie über sensibilisierten Nachwuchs freuen können.

„Viele der Kinder aus unseren Kursen sind heute Streitschlichter an ihren Schulen“, berichtet Siegbert Geuder, der Zweite Vorsitzende und Haupttrainer von Kim-Chi. „Dort können sie ihre Erfahrungen aus unserer Ausbildung anwenden und an andere Kinder weitergeben. Das kommt bei den Schulleitern sehr gut an.“

Budo-Turnen und Judo-Werte

„Bewegung macht schlau – Opfer, nein danke“ hat Kim-Chi Wiesbaden als Überschrift für sein seit Sommer 2014 existierendes Projekt gewählt. Inzwischen kooperiert der Klub mit sage und schreibe 15 Kindertagesstätten und 24 Grundschulen der Landeshauptstadt und baut sein Angebot in Richtung Mainz aus.
In Wiesbaden, berichtet Geuder, nutzen 700 Kinder das Kursangebot in den Bildungseinrichtungen. Grundlage dafür ist die „etwas andere“ Sportart Judo samt dem vom Deutschen Judo-Bund vor einigen Jahren entwickelten Ausbildungsprogramm „Judo spielend lernen“ für Vorschulkinder. Die Wiesbadener haben ihm den noch griffigeren Ausdruck „Budo-Turnen“ gegeben. Es bereichert das Bewegungsangebot in den Kitas, in den Grundschulen können die Kenntnisse dann in Judo-AGs vertieft werden.

Sanfter Weg zu wichtigen Werten

Der japanische Kampfsport Judo hat sich in Deutschland als mutmaßlich einzige Sportart Werte auferlegt, die sogenannten „Judo-Werte“. Es sind zehn an der Zahl, die durch Judo, übersetzt „Sanfter Weg“, vermittelt werden können: Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Ernsthaftigkeit, Respekt, Bescheidenheit, Wertschätzung, Mut, Selbstbeherrschung und Freundschaft. Welcher Elternteil, welcher Schulleiter sähe das alles nicht gerne bei seinen Schützlingen verwirklicht! Kim-Chi nutzt das für sich.

Das Thema Gewaltprävention

Die U16-Mädchen von Kim-Chi gewannen 2016 den Jugendpokal des Deutschen Judo-Bundes.Foto: Deutscher Judobund

Ausgangspunkt für das Kim-Chi-Projekt waren Gespräche mit Schulleitern, in denen immer wieder das Thema Gewaltprävention auf den Tisch kam. „Es heißt, auf den Schulhöfen nimmt die Gewalt unter Kindern zu“, sagt Geuder. Und Judo mit Gewaltprävention zu verbinden, ist nicht weit hergeholt. Geuder sagt: „Kinder brauchen Bewegung für ihre psychosoziale und körperlich-motorische Entwicklung. Über Bewegung und Wahrnehmung entwickeln sie ihre Persönlichkeit.“
Gegen die allgemeinen Bewegungsdefizite von Kindern richtet sich das Budo-Turnen. Ein sanfter Einstieg mit nur wenigen Judoelementen, aber vielen Übungen für die gesamtkörperliche Ausbildung. Das eine also, Budo, der Oberbegriff für alle japanischen Kampfkünste, schafft Disziplin, erzieht sozial und schafft Selbstvertrauen. „Nicht das Lernen von Würfen und Haltegriffen steht im Vordergrund“, sagt Geuder, „sondern die Entwicklung von Persönlichkeit, Integration und Umgang mit Gewalt. Bei uns lernen die Kinder auf spielerische Art und Weise, einen Zweikampf zu bestreiten. Dabei hat der respektvolle Umgang mit dem Partner oberste Priorität.“
Das andere, Turnen, schafft die körperlichen Voraussetzungen, bildet den Bewegungsapparat der Kinder aus und ist eine Grundlage für alle anderen Sportarten, die im fortgeschrittenen Alter noch folgen können.

Integriertes Selbstschutztraining

Ein abschließendes „Selbstschutztraining“ zur Vorbereitung auf die Grundschule haben die Kim-Chi-Experten ebenfalls in das Projekt integriert. Hierbei sollen Kinder spielerisch den Umgang mit Konflikten lernen, sie erfahren etwa in Rollenspielen, was in einer Streitsituation hilft. „Dabei entdecken die Kinder Stärken und Fähigkeiten, die sie oft zuvor gar nicht kannten“, erläutert Geuder. Er nennt einen weiteren Aspekt: Durch das Selbstschutztraining, in dem sie sogenannte „Wuttricks“ lernten, könnten Kinder „ihre Wut wesentlich besser kontrollieren“. Beispielsweise seien dabei Selbstgespräche hilfreich.
Das Kursangebot in den Kitas setzt Kim-Chi Wiesbaden mit einem ausgebildeten Gewaltpräventionstrainer um. A-Trainer Laurent Schmidt ist – wie der für die Schulkurse verantwortliche Siegbert Geuder – beim Verein hauptamtlich angestellt. Schmidt soll bald Unterstützung durch weitere zertifizierte Gewaltpräventionstrainer bekommen. Hierfür und zur Anschaffung weiterer teurer Judomatten für das Kursprogramm kann Kim-Chi Wiesbaden das Preisgeld in Höhe von 4.000 Euro aus dem Gewinn des Sonderpreises beim ODDSET Zukunftspreis des hessischen Sports gut gebrauchen.

Oliver Kauer-Berk